Überlegungen einer Dozentin

Den Mittleren Schulabschluss (MSA) außerhalb der Schule in Berlin zu erreichen, ist ein schwieriges, aber lohnendes Unterfangen. Ich unterrichte Mathe, Bio und Chemie – also die naturwissenschaftlichen Fächer. Gerade Mathe und Chemie sind für die meisten Schüler die Nr.-1-Hassfächer in der Schule. Bei uns aber nicht. Wir haben Spaß und die Schüler kommen gern in den Unterricht. 

Viele haben Kinder, sind ehemalige Schulschwänzer und haben sehr viele Verpflichtungen. Dennoch kommen sie täglich zu uns und die meisten schaffen den MSA. Dafür gilt ihnen meine Hochachtung. Wenn man Vieles überhaupt nicht kennt und neu lernen muss, obwohl das mit dem Lernen ab einem bestimmten Alter ganz und gar nicht leicht ist, und zudem für 4 Schuljahre nur 9 Monate Zeit hat, ist das eine starke Leistung!!!

 

Unseren Schülern mit dem ihnen gebührenden Respekt zu begegnen und aus ihnen die Leistungen herauszubekommen, zu denen sie fähig sind, ist mein tägliches Anliegen. Der Schlüssel ist neben dem Respekt eine gesunde Prise Humor, ein stets offenes Ohr für viele Sorgen und Nöte (manchmal auch ganz existenzielle) und die Lust, anderen wirklich etwas beibringen zu wollen – so, dass sie es auch tatsächlich verstehen und dabei keinen einzigen Schüler auszulassen. Ich bin keine ausgebildete Lehrerin, aber eine, die mit Begeisterung bei der Sache ist und sieht, ob jemand folgen kann oder nicht. Was mich schon oft zu der Überlegung gebracht hat, ob  all die Theorien zum Lernen wirklich etwas bringen, ob mehr Geld in die Bildung gepumpt oder die Lehrer schlicht besser ausgewählt werden müssen?! Guter Unterricht und Verstehen stehen und fallen mit dem Lehrer. Mal ehrlich, lieber Leser, ging es Dir nicht auch so, dass es bestimmte Fächer gab, die Du wegen Deines Lehrers gut oder doof fandest? Man merkt es deutlich, wenn der Lehrer wechselt und man plötzlich entweder mehr verstanden hatte oder nichts mehr, obwohl man vorher gut war. Auch ich habe solche Momente erlebt.

 

Die Naturwissenschaften zu unterrichten, sollte doch eigentlich die einfachste Sache der Welt sein. Viele Kids fragen sich, wie manche Phänomene, die sie doch kennen, zustande kommen. Wie Blitze und Gewitter entstehen, wo unsere Welt herkommt, warum es so viele verschiedene Materialien gibt, wie sie entstanden sind, was sie zusammenhalten oder brechen lässt oder wie wir sehen, hören und überhaupt leben können. Es muss doch drin sein, diese natürliche Neugier aufrecht zu erhalten! Aber nein, unser System schafft es viel zu häufig und innerhalb kürzester Zeit, selbst die am stärksten begeisterten kleinen Racker schon in der ersten Klasse erfolgreich zu demotivieren. Wie geht denn sowas???

 

Es muss sich endlich was ändern in diesem System. Vielleicht ist der gute alte Frontalunterricht zusammen mit dem Schülergespräch eben doch die Basis und Gruppenarbeit, Spiele und alles andere Zeug, das bei Evaluierungen so gern gesehen wird, würzen den Unterricht hin und wieder. Und vielleicht sollte man aufhören, eine Unterrichtseinheit in ein minütlich ausgetüfteltes Korsett pressen zu wollen und ihn lieber den Gegebenheiten anpassen. Vor dem Lehrer sitzen 20 bis 30 Schüler, jeder mit Fragen und eigenen Gedanken, die man vorher unmöglich voraussagen kann. Interesse am Gedankengut der Schüler, ein Miteinander und Darauf-Eingehen sind soviel wichtiger! Klar, ein roter Faden im allgemeinen Unterrichtsgeschehen muss aufrecht erhalten werden, um die Schüler nicht zu verwirren und ihnen einen Leitfaden an die Hand zu geben – was kam schon dran, was wird noch kommen? Was ist Ziel des Unterrichts? Dennoch haben die Schüler Interessen: Es gibt Themen, die viele interessieren und solche, die nur wenige interessieren, aber notwendiges Wissen darstellen. Der Matheunterricht beispielsweise. Ich sehe das so: Mathe ist vor allem zum Erlernen und Üben von abstraktem Denken, Mustererkennung und als Vorbereitung für Fächer notwendig, in denen gerechnet werden muss (Wissenschaften, Ingenieurswesen, Architektur etc.). Warum ich mich damit auseinandersetze? Weil ich immer wieder gefragt werde, wozu man als Mensch diese Rechnerei braucht. Wenn es dem Matheunterricht gelingt, jedem Schüler, dem das intellektuell möglich ist, abstraktes Denken und Mustererkennung und das Knüpfen logischer Sinnzusammenhänge beizubringen, profitieren alle anderen Fächer und vor allem der Schüler im weiteren Leben enorm davon. Ist meine Meinung. Wird den Schülern aber nicht so kommuniziert. Warum nicht? Das hält die Motivation aufrecht. Wenn ich allerdings das Gefühl habe, etwas nicht zu brauchen und es aber trotzdem machen soll, schalte ich doch ab – ist das nicht eine natürliche Reaktion?

 

Apropos intellektuell: Vor mir sitzen einige, die als Kinder teilweise oder ganz ihre Zeit in einer Sonderschule absitzen mussten. Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten von ihnen da nicht gut aufgehoben waren, da nicht hingehörten. Sie hätten die bestmögliche Förderung in der Schule erhalten sollen. In den meisten Fällen hatten gerade diese Kids enorme häusliche Probleme zu bewältigen und konnten deshalb – und nicht etwa, weil ihr Intellekt zu schwach ausgeprägt war – dem normalen Unterricht nicht folgen. Es kann einfach nicht sein, dass Kinder von uns dermaßen im Stich gelassen werden!!! Nicht genug damit, dass sie zu Hause wenig bis gar keine Anerkennung erfahren, Gewalt, Ignoranz und Missbrauch miterleben müssen, nein: Unser Bildungssystem lässt sie auch im Stich und schickt sie stattdessen zur Sonderschule, wo ihr Selbstbewusstsein zusätzlich heruntergestuft wird. Ich sage ausdrücklich nicht, dass Sonderschulen per se schlecht sind – aber eben nicht geeignet für Kinder mit normal entwickeltem Intellekt und häuslichen Problemen. Das ist pures Abschieben durch Lehrkräfte, die sich die Arbeit mit solchen Kindern nicht aufhalsen wollen. Das glaube ich ganz fest.

 

Unser Bildungssystem kann auf vielen Ebenen besser sein und nicht alles ist eine Frage von mehr Geld. Vielleicht sind die ungewöhnlichen Ideen des Zeki Müller im Film „Fack ju Göthe“ als Anregung zu verstehen, hier etwas zu ändern. Disziplin ist nach wie vor eine Tugend, denke ich, denn nur disziplinierte Menschen erreichen ihre Ziele. Disziplin bedeutet doch letztlich nichts anderes, als Überwindung des legendären inneren Schweinehundes. Das schaffen Kids nun mal noch nicht immer allein. Und wenn sie ihnen von zu Hause nicht mitgegeben wird, muss die Schule das eben leisten. Ich habe 2 Dokumentationen aus Klassenzimmern (ARD und WDR, unabhängig voneinander) gesehen und sehe in beiden nur ein Problem: Disziplinlosigkeit. Die Lehrer sind jung, bereiten den Unterricht gut vor und sind fähig, den Schülern Wissen in den Kopf zu pflanzen – an ihrer fachlich-pädagogischen Ausbildung lag es nicht. Die Schüler sind aber laut und uninteressiert und dürfen das voll raushängen lassen. Unterricht war schlicht nicht möglich, die Wissensaneignung damit fatal kaputt.  Wie geht sowas, bitte? Noch vor 20 Jahren war so ein Verhalten undenkbar.

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Kommentare: 1
  • #1

    Romy (Dienstag, 19 Dezember 2017 11:44)

    Ich kann diese Worte sehr gut nachvollziehen.
    Naturwissenschaften sind Zweifels ohne sehr interessant und die Mathematik ist auch eine wunderbare Unterstützung im Alltag.
    Unser derzeitiges Schulsystem, ja auch die Gesellschaft, neigt tendenziell und steigerd die Kiddies mehr zu überfordern. Problem, was ich darin erkenne, ist die Tatsache, das man sich zu schnell seine eigenen Fehler, auf ein Kind richtet. Natürlich ist alles mit vor und Nachteilen behaftet. Zu schnell wird ein quirliges Kind als ADHS - Kind in die Ecke gedrängt. Häufig liegt es aber am lehrenden selbst, der nicht unbedingt überzeugt von seinem Beruf sein könnte. Jeder Mensch hat in der Bildung seine Stärken und Schwächen und an diesen sollten Lehrer vor allem anknüpfen. Umkehrprinzip ... Die schwächen zur Stärke machen, es ist okay Mathematik nicht sofort zu begreifen, da jeder sein eigenes Tempo hat, Gleiches betrachte ich auch in anderen Fächern. Langsam aber effizient, mit Ruhe und geduld. Zu hohe Erwartungen an den Schüler steigern den Druck, das kann zur Blockade führen. Mehr einfühlen und versuchen zu verstehen, als es besser Wissen zu wollen. Ich finde Deinen Gedankenansatz absolut gerechtfertigt und Super, das du dir Gedanken darüber machst. Ich sitze auch jeden Tag zu Hause und mache mir Gedanken darum, was man ändern könnte, auch bzgl. meines Nachwuchses. Inzwischen habe ich für mich begriffen, dass es nicht der Lernende ist, der etwas ändern muss, es ist viel mehr der Umgang mit diesen. Das ist im Wushu/Kung Fu nicht viel anders. Wir gehen auch individuell auf den Schüler ein, nutzen seine Stärken um seine Schwächen auszubalancieren, indem wir gezielt die Schwäche zur Stärke machen. Das klingt etwas perplex, aber es funktioniert. Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen oder auch ADHS haben spaß daran, zuerst ihre eigenen Grenzen kennenzulernen, statt sie vorgesetzt zu bekommen. Vertrauen hilft unendlich viel bei der Entwicklung. Man darf nicht vergessen, das Kinder und Jugendliche auch ein Spiegel ihrer Umwelt sein können. Selbstdisziplin ist wie ein Muskel, man kann ihn jeden Tag trainieren, doch unsere Gesellschaft macht es uns sehr einfach, das nicht tun zu müssen. Es werden immer neue Gründe für Verhaltensmuster gesucht und auch gegeben. Somit hat man im Laufe der Zeit mehr Freiraum für Ausreden geschaffen, ein fataler Fehler, wie ich finde. Disziplin ist auch häufig mit der Selbstreflexion verbunden, aber auch diese Fähigkeit geht inzwischen nach und nach verloren, man hat ja schließlich Ausreden für sein Verhalten, also ist es auch kein Fehler mehr. Psychische Erkrankungen klammere ich hier bewusst aus. Will man eine Wirkung unschädlich machen, muss man die Ursache erfassen. Erwachsene puffern gerne die eigene Unfähigkeit der Emotionalen Selbstkontrolle, indem sie diese auf das Kind oder auf die Umwelt projektiert. Warum das ganze, um sich selbst nicht damit auseinandersetzen zu müssen, man müsste ja sonst sein eigenes Handeln und denken hinterfragen und das machen leider immer weniger Erwachsene. LG ... dein Faultier ;)